Social Inception

Joseph Gordon-Levitt und Leonardo DiCaprio rasen auf Skiern einen mit Schnee bedeckten Berghang hinunter. Das Ziel ist eine hochmoderne Festung die scheinbar wahllos in der Bergkette platziert wurde. Immer schneller nähern sie sich ihrem Ziel, während bis an die Zähne bewaffnete Söldner auf Schneemobilen ihnen immer näher auf die Pelle rücken. Das Ziel in die Festung einzudringen scheint offensichtlich, doch der Grund ist nicht, wie zu erwarten, um etwas zu stehlen, sondern etwas zu hinterlassen.

Die beiden Profis befinden sich tatsächlich im Traum ihres Opfers, wodurch die skurrile Landschaft und Situation plötzlich mehr als verständlich wirkt. Wer kennt sie nicht, die absurdesten Träume erscheinen einem während des Traums völlig logisch. Erst nach dem Aufwachen kommen Zweifel in uns auf, dass etwas nicht gestimmt hat. Doch zurück zur Szenerie. Joseph und Leonardo haben das Ziel bei ihrem Opfer einen Gedanken zu hinterlassen, sie wollen ihn mit Hilfe der Erlebnisse und Erkenntnisse im Traum dazu zu bewegen, in der Realität das geerbte Imperium zu zerschlagen.

Auch wenn das Grundsetting klar nach Science Fiction schreit und man sich kaum vorstellen kann, dass das direkte Eindringen und Miterleben eines Traumes in dieser Form möglich ist, wirkt es weniger unwahrscheinlich, dass uns unsere Träume beeinflussen. Jeder ist sicherlich schon einmal aufgewacht und brauchte erst ein paar Minuten, um Traum von Wirklichkeit zu unterscheiden. Genauso wie man plötzlich aus einem Traum aufwacht und mit einer neuen Inspiration in den Tag oder gar das weitere Leben startet.

Sollte es also technisch möglich sein, in einen Traum einzudringen und diesen zu manipulieren, so ist der Schritt einen Gedanken einzupflanzen, gar nicht mehr so fern.

Rhetorik und Propaganda

Die Idee Menschen zu beeinflussen, dass sie das tun, was man möchte ist vermutlich so alt wie die Menschheit selbst. Der erste Zweig der sich hiermit befasste, ist die allgemein bekannte Rhetorik. Im antiken Griechenland war der Dichter Homer. Die Kunst der Beredsamkeit. Dabei ging es dabei die Mitmenschen von einer Sache zu überzeugen und zu Handlungen zu bewegen. Die Kunst der Rhetorik wurde in der Antike immer weiter verfeinert, sodass auf Basis dieser ein ganzes Staatssystem erbaut wurde und eine der größten Weltmächte, die die Erde gesehen hat.

Die bewusste Beeinflussung der Menschheit wurde auch im dritten Reich unter dem Propagandaminister Göbbels mit einer perfiden Perfektion betrieben. Die neue Version hierbei ist allerdings, dass mittels technologischen Fortschritts eine enorme Reichweite erzielt wurde. Mit dem Volksempfänger konnte die indoktrinierende Propaganda nahezu jede Frau, jeden Mann und jedes Kind erreichen.

Mit dem Einzug der sozialen Medien in unsere moderne Welt hat sich auch eine vollkommen neue Möglichkeit der Verbreitung von Informationen ergeben. Auch hier haben die Mächtigen dieser Welt nicht lange gewartet, um diese Errungenschaft für ihre Zwecke zu nutzen. Der Anfang hier war die virale Verbreitung von Werbung. Ein hübsches Bild mit einer subtilen Message. Jeder mag Katzenbilder. Ein Katzenbaby. Wow. So ein Bild ist schnell geteilt und erreicht somit zahllose Menschen auf der ganzen Welt. Die tatsächliche Message mag dabei nicht im Vordergrund stehen, doch sie ist eingängig. Sie beeinflusst uns in dem Moment, wo wir sie wahrnehmen.

Six degrees of separation

Widmen wir uns an dieser Stelle nun ein wenig der Wissenschaft. Der amerikanische Forscher Stanley Milgram untersuchte in seinem Small-World-Experiment die soziale Vernetzung der Menschheit in den 1960er Jahren. Hierbei wählte Milgram zufällig Personen in den Vereinigten Staaten aus, die eine Sendung an weitere zufällige Personen in den Staaten zustellen sollten. Dabei durften sie die Sendung nur an ihre Bekannten weiterleiten, welche dies wiederum taten. Die Erkenntnis war hierbei nun, dass es im Schnitt 6 Hops benötigte, um die Sendung zuzustellen. Six Degrees of Separation.

Das Resultat ist in jeglicher Hinsicht verblüffend. Glaubt man dem Experiment so ist anzunehmen, dass jeder Mensch auf der Welt jeden anderen über durchschnittlich 6 Ecken kennt. Um also die Verbreitung einer Information auf die gesamte Menschheit zu erreichen, genügt es also, dass ein Mensch diese allen seinen Bekannten mitteilt und diese dann die Informationen wieder mit ihren Bekannten teilt. Nach 6 Iterationen dieser Prozedur hat die Information JEDEN Mensch auf der Erde erreicht.

Die Ergebnisse des Experiments sind durchaus umstritten, da die Auswahl nicht repräsentativ genug ist. So wurden hierbei lediglich 24 Problem durchgeführt. Des weiteren beschränkte sich der Versuch ausschließlich auf die Vereinigten Staaten von Amerika.

Wendet man diese Erkenntnis auf die heutige, digital vernetze Welt an, so ergibt sich eine weit aus größere Nähe. Nach ähnlich fundierten Analysen ergab sich hierbei, dass man heutzutage wohl eher von 4 Hops spricht. Nimmt man dazu noch die Geschwindigkeit, mit der Informationen geteilt werden, ist es ein leichtes eine Information beliebig auf alle Menschen zu verteilen, ohne auch nur ein einziges Mal einen frontalen Kanal, wie Radio oder Fernsehen zu verwenden.

Social Inception

Nimmt man nun diese halbwegs fundierten wissenschaftlichen Erkenntnisse und kombinierte diese mit dem Hollywood-Blockbuster Inception, so erhält man ein immens spannendes Forschungsgebiet. Nehmen wir uns doch einen alltäglichen Anwendungsfall her: den Bewerbungsprozess.

Seit jeher ist beim Schreiben einer Bewerbung der Bewerber darin interessiert sich bei den Entscheidern in einem möglichst positiven Licht darzustellen. Hierbei legt man den Fokus auf Zertifikate, Abschlüsse und Referenzen. Doch eine Liste von Referenzen durchzuarbeiten ist für jeden HRler mühsam und man wird schnell aussortiert. Hier wäre es doch für den Bewerber umso besser, wenn das Unternehmen auf einen aufmerksam wird, bevor man auch nur eine Bewerbung schreibt. Die sozialen Netzwerke bilden hier die technische Plattform, aber wie erreicht man mit seinen Beiträgen die richtige Person?

Mittels Social Inception. Hierbei schreibt der Bewerber nicht direkt dem Entscheider eine Nachricht und bepreist sich, wie er dies bei einer konventionellen Bewerbung tun würde. Nein. Das Ziel ist viel mehr eine Nachricht im sozialen Netzwerk so abzusetzen, dass diese von Bekannten derart geteilt wird, dass sie nach spätestens 4 Hops den Entscheider indirekt erreicht. Der Vorteil ist nun, dass die Nachricht implizit die Reputation der Personen erhält, die diese geteilt haben. Der Entscheider vertraut an dieser Stelle unterbewusst der Einschätzung seiner Bekannten und wird auf den Bewerber aufmerksam, ohne dass dieser aktiv in Erscheinung tritt.

Die große Challenge ist also, eine Nachricht derart zu verfassen, dass sie das Interesse der eigenen Bekannten weckt sowie deren Bekannten und so weiter. Dies ist in erster Linie äußerst müsig und vermutlich von wenig Erfolg gekrönt. Nutzt man aber nun das ungeheure Wissen, was in den sozialen Netzwerken schlummert, so vereinfacht sich dieses enorm. Aus der Extraktion von Verhalten und Interessen im sozialen Netzwerk, könnte man nun ermitteln, auf welchem Pfad man den Entscheider am erfolgreichsten erreicht. Daraus könnte man nun eine Vielzahl von relevanten Themen erhalten. Erzeugt man nun eigene Informationen, die diese Themen ansprechen, so könnte man die Chance des Teilens erhöhen.

Cambridge Analytica

Dies ist nur eines von vielen Anwendungsfällen, wo sich diese Theorie anwenden ließe. Doch den Coupe absolvierte hier der amerikanische Präsident Donald Trump zusammen mit der inzwischen heiß diskutierten Firma Cambridge Analytica. Diese nutzen das Wissen der sozialen Netzwerk derart, um zielgerichtete ihre Informationen an die einzelnen Wähler zu übermitteln.

Der große Unterschied zum konventionellen Wahlkampf? Hier kommt die Nachricht nicht zwingend vom Twitter-Account des Kandidaten. Nein. Eine Information erschaffen von einem einzelnen Wähler, die sich viral in dessen Umkreis ausbreitet, ist viel authentischer und wirkt weniger bevormundend. Wem glaube ich eher? Einem polierten Wahlwerbespot oder einem Erfahrungsbericht eines „Freundes“?

Fazit

Sofort erkennt man, dass jede wissenschaftliche und technologische Errungenschaft, so hilfreich und nützlich sie in vielen Dingen sein mag, auch immer Potenzial für Missbrauch und Gefahr beinhaltet. Die Forschung in eine solche Richtung an dieser Stelle zu verteufeln, bringt keinem etwas, da jene die Macht haben auch immer nach mehr Macht streben. Vielmehr sollte es das Ziel sein, die Forschung zu intensivieren, um wie im Film mit Gordon und Leonardo auch Schutzmaßnahmen zu ermöglichen, die uns vor einer derartigen Beeinflussung zu schützen. Schließlich sollte jeder Mensch, der in der Welt interessiert unterwegs ist, jede Information kritisch hinterfragen, denn dies ist es, was uns Menschen zu dem gemacht hat, was wir heute sind.

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