Der Baum

Solang er sich erinnern konnte, besuchte der kleine Joe die alte Eiche jeden Tag. Sie stand dort am Flussrand, seit er auf eigenen Beinen lief. Vermutlich auch schon etliche Jahre zuvor. Ihre Wipfel ragten majestätisch über den Fluss hinaus. Sie war sein Zufluchtsort. Jederzeit empfing sie ihn mit offenen Armen. Sie stütze ihn, wenn er sich an sie lehnte. Im Sommer spendete sie ihm erfrischenden Schatten. Den Regen fing sie mit ihren Blättern auf.

So gingen die Jahre ins Land. Der kleine Joe war nicht mehr ganz so klein, wie damals, als er die Eiche das erste Mal erblickt hatte.

Eines Tages, es war ein sonniger, warmer Frühlingstag, kam Joe wie immer zu seiner Eiche. Er bemerkte die Veränderung sofort. Etwas war anders. Er wusste nicht genau, was es war, aber das etwas nicht stimmte, konnte er direkt erkennen. Mit einer Hand an dem zerfurchten Baumstamm schritt er um die Eiche. Von unten bis oben musterte er sie genau. Da wusste er, was falsch an dem Bild war, welches er da sah.

Der Baum hatte den ganzen Frühling nur wenige sprießende Blätter vorzeigen können. Doch nun fielen selbst diese herunter. Im Frühling? Joe rieb die Hand fester über die spröde Rinde. Er hatte in der Schule gelernt, dass es mitunter vorkam, dass selbst eine alte, majestätische Eiche – von einer Krankheit oder einem Parasit befallen – absterben konnte. Aber es war ihm nicht in den Sinn gekommen, dass es auch diesem Baum so ergehen könnte. Je länger er den Baum betrachtete, desto deutlicher nahm er die Zeichen war. Die Rinde fiel bereits an kleinen Stellen des Stammes ab. Die wenigen Blätter, die den sonst so ehrwürdigen Baum noch zierten, wirkten verloren und wie das Relikt einer vergangen Zeit.

Enttäuscht und niedergeschlagen setzte sich Joe in das Gras. Dem Baum gegenüber. Anzulehnen, wagte er sich nicht. Die Angst, er könnte den Baum damit umstürzen, nahm ihm alles Vertrauen. So saß er vor dem sterbenden Baum. Er starrte ihn an und der Baum starrte zurück.

Joe nahm die Welt um sich herum nicht mehr war. Er wusste nicht, ob es Minuten waren, die er vor dem Baum verbrachte, Stunden, oder gar Tage. Tränen rannen ihm über die Wangen. Vielleicht waren es auch die Regentropfen, die auf ihn einprasselten. Kein Schutz. Kein Halt.

Langsam senkte er seinen Blick von dem einst so wunderschönen Baum auf den Boden. Gerade als Joe sich aufraffen wollte, den Baum hinter sich zu lassen. Erblickte er neben den Wurzeln des Baumes eine Eichel des letzten Jahres. An Eicheln am Boden mangelte es nicht. Doch diese trieb gerade zwei winzige Blätter aus. Joe kniete sich zu der Eichel nieder und sah sie sich genau an. Da fiel ihm auf, dass noch weitere austrieben. Neuer Mut sammelte sich in ihm. Die Apathie war wie weggeblasen. Er hatte einen Entschluss gefasst.

An den nächsten Tagen besuchte Joe die alte Eiche immernoch. Jedoch nicht des Baumes wegen sondern viel mehr, um den frischen Sprösslingen beim Wachsen zuzuschauen. Es waren tatsächlich Unzählige, die da aus dem Boden schossen. Mit Bedauern stellte er fest, dass die ersten bereits unachtsamen Füßen oder gefräßigen Tieren zum Opfer gefallen waren. Doch von seinem Entschluss ließ er sich nicht abbringen. Er wollte einem Nachkömmling seiner Eiche in deren Fußstapfen helfen. Dass es lange dauern würde und viel Arbeit bedeutete, dessen war sich Joe bewusst.

Er wählte mit Bedacht ein Pflänzchen aus, welches bereits Kraft ausstrahlte, aber dennoch anmutig und faszinierend aussah. Diese kleine Pflanze sollte es schaffen, davon war er überzeugt.

Tag für Tag. Monat für Monat. Jahr für Jahr besuchte Joe nun seinen Schützling. Er wusste wie riskant sein Wagnis war. Hatte er doch schon halbstarke Bäume gesehen, die durch einen geknickten Ast nach einem Sturm eingegangen sind.

So folgte Joe seinem Plan unbeirrbar und unabbringbar.

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